7 Tage offline in Mindfulness

Tag 1

Der Weg führt hinauf in die Hügel vor Kandy. Der Bus setzt mich ab an einer verlassenen Kreuzung. Die weitere Strasse hoch ins Meditationscenter ist eine sehr holprige Angelegenheit. Das Tuktuk als Offroader sozusagen. Nach einer gefühlten Stunde bergaufwärts, weit weg von der Zivilisation, erreichen wir endlich unser Ziel. Und gleich zum ersten Mal habe ich ein schlechtes Gewissen, da das Tuktuk so laut ist. Schweigen ist doch angesagt, Stille, für 7 Tage.

Der erste Tag ist dann auch geprägt von der Frage, ob ich mich nicht laufend völlig falsch verhalte. Soll ich die Leute anschauen wenn ich sie kreuze oder macht man das nicht? Sie gar anlächeln? Fast alle tragen weisse, weite Kleider, mach ich mich da mit meinem dunkelgrauen, engen Merinoshirt nicht komplett zum Affen? Wieso bin ich der einzige mit schwarzen Socken, hilfe!  Kann ich mich überall hinsetzen mit dem Essen? Wieviel darf ich mir schöpfen? Muss ich mich am Ende der Gruppenmeditation auch auf den Boden werfen und Buddha und Upul, unserem Lehrer, huldigen (Gott behüte)? Fragen über Fragen.

Begrüsst und eingewiesen werde ich von Veronika, einer ca. 30-jährigen Spanierin, die seit sechs Jahren hier in Nilambe residiert. Seit 6 Jahren! Was macht diese wirklich hübsche Frau schon so lange hier? Während ihren “besten” Jahren? Ein bisschen Aufschluss gibt vielleicht ihr Lächeln. Von ganz tief scheint es zu kommen, jauchzende, warme Augen schauen einem an. Ich beschliesse, dass an dem Ort was dran sein muss.

Apropos Ort: dass es so schön hier ist, konnte man der schlecht gemachten Homepage und den lausigen publizierten Fotos auch nicht entnehmen. Das Gelände liegt am steilen Hang und die einzelnen Gebäude wie Gruppenmeditationssaal, Essaal, Bibliothek, Sportraum sowie die getrennten Unterkünfte für Frauen und Männer sind auf verschiedenen Levels darüber verstreut. Die ganze Anlage ist gut gepflegt und überall hat’s hübsche Details wie einen kleinen Teich, einen Garten, aufeinander gestapelte Steine und ganz viele Pflanzen. Das ganze erinnert stark ans Tessin, einfach noch eine Spur üppiger. Und mit abgefahreneren Tieren.

 

Veronika weist mich in meine Unterkunft ein. Obwohl Zelle auch nicht unpassend wäre, denn mehr als drei Quadratmeter sind das nicht. Strom oder Licht gibt’s natürlich auch nicht und leider merkt man der guten Bleibe die feuchte Highlands-Luft an. Alles riecht modrig & müffelt. Aber was soll man sich an so einem Ort über solch weltliche Dinge aufregen.

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Irgendwie habe ich ein Durcheinander mit den einzelnen Sessions. Immer läuft was anderes, aber doch dreht sich alles um Meditation. So sieht der Stundenplan aus:

  • 4:30     Tagwache
  • 5:00     Gruppenmeditation
  • 6:00     Tee
  • 6:30     Mindfulness in Motion
  • 7:30     Frühstück
  • 8:00     Arbeitsmeditation
  • 9:30     Gruppenmeditation
  • 11:00   Individuelle Meditation
  • 12:00   Lunch & Pause
  • 14:00   Laufmeditation
  • 14:30   Gruppenmeditation
  • 15:30   Tee & Right to Speech
  • 16.00   Mindfulness in Motion
  • 17:00   Individuelle Meditation
  • 18:00   Snack
  • 18:45   Gruppenmeditation
  • 20:00   Nachtruhe

Den ersten Tag bringe ich mich deplatziert fühlend, aber ohne grössere weitere Komplikationen hinter mich.

Tag 2

Das Einschlafen gestern um 20:30 hat erstaunlich gut geklappt. Und durchgeschlafen habe ich auch auf dem knorrigen, kleinen Bett. Da ist auch schon der Morgengong. Jetzt noch schnell das Gesicht waschen und dann hoch gestolpert zur Gruppenmeditation. Aber wieso sitzen da denn schon alle? Da stand doch ganz klar, dass die Gruppenmeditation um 5 beginnt und nicht früher? Habe ich da etwa schon wieder etwas verplant? Ich schleich mich mal durch den Hintereingang rein, vielleicht merkt’s ja niemand.

Es scheint sich tatsächlich niemand zu stören ob meinem zu spät kommen. Und gut fühlt es sich an, zum ersten Mal im grossen Meditationssaal. Diese Stille, diese Andacht, und alles noch fast komplett im Dunkeln, nur erhellt durch ein paar wenige Kerzen beim Buddha Altar vorne im Raum. Obwohl, still ist es ja eigentlich überhaupt nicht. Die Grillen, Frösche, Geckos, die unzähligen Vögel, weit entfernt noch Hunde und Hühner und weitere nicht identifizierbare Tiere veranstalten ein formidables Konzert in beträchtlicher Lautstärke. Irgendwo in der Nähe muss noch ein buddhistisches Kloster sein. Die Mönche scheinen gleichzeitig aufgestanden zu sein und stimmen ihren Gesang an.

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Dann mal Platz genommen und die Beine verschränkt. Ein bisschen weiter nach vorne sollte ich aber schon noch auf dem Sitzkissen. Und das rechte Bein könnte ich noch mehr anziehen. Das fühlt sich ja eigentlich schon recht gut an. Vielleicht den Rücken noch ein wenig aufrichten? Das verursacht aber ein ziemliches Ziehen auf der Innenseite der Oberschenkel. Hmm, lassen wir das. Einatmen, ausatmen. Einatmen, ausatmen. Einatmen –  wie war jetzt das nochmals mit der Hyperventilation? Beim Freediven habe ich vor dem Abtauchen jeweils auch eine Art hyperventiliert, wie frei man sich da fühlt, so ganz ohne Tauchflaschen. Ob ich meinen Tiefenrekord nochmals egalisieren könnte mit ein bisschen Training? Obwohl wenn man sich das mal vor Augen führt, das ist ja tiefer als der höchste Sprungfels im Maggiatal. Ach das gute Maggiatal, da muss ich auch unbedingt wieder hin, sobald ich zurück bin. Und mich nochmals intensiv auf die Suche nach einem Rustico machen, das ich dann über die Jahre hinweg renovieren und ausbauen kann. Mit ganz vielen Pflanzen. Und vielleicht einem kleinen Weinberg wie mein Grossvater einen hatte? Schön geht es meiner Grossmutter wieder besser….

Huch, wo bin ich denn da gedanklich gelandet? Hmm, dann mal den Kopf leeren und wieder auf die Atmung konzentrieren. Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen, einatmen, autsch! Das zwickt ja ganz schön da im Knie. Dann versuch ich doch mal, bewusst in die schmerzende Stelle zu atmen. Das Ausatmen bringt tatsächlich eine gewisse Linderung, jetzt einfach konzentriert so weiter arbeiten, nicht verspannen. Da steigt ja auch schon die Fussaussenseite mit ein ins Rennen um die schmerzendste Stelle. Das Positive daran ist eindeutig, dass die Schmerzen im Knie abgenommen haben – zumindest relativ. Ach da meldet sich auch schon die Spannung in den Oberschenkelinnenseiten zurück. Die heilige Dreifaltigkeit der Ungemütlichkeit sozusagen. Immerhin bin ich dank den Schmerzen äusserst fokussiert im Hier und Jetzt. Soll ich die Beine ausstrecken? Ein starker Wille wächst mit jeder gewonnen Schlacht ein wenig, hat mal ein indischer Weiser gesagt. Also, dann noch 60 Atemzüge. 59-58-57-56… wie lange dauert eigentlich der ganze Kreislaufs des Ein- und Ausatmens? 6 Sekunden? 10 Sekunden? Das wären dann ja 600 Sekunden, sprich geschlagene 10 Minuten, die ich weiterhin in der Position verharren müsste. Ach aber ich schweif ja schon wieder ab….

3. Tag

Unterdessen habe ich mich hier bestens eingelebt. Das Gefühl des sich falsch Verhaltens ist komplett verschwunden. Alles fühlt sich äusserst entspannt an, ein richtig und falsch scheint es nicht zu geben. Und falls sich dennoch jemand an mir stören sollte, dürfte es ihm wegen des Schweigegebots sowieso schwer fallen, mir dies mitzuteilen, ha. Das Schweigen hätte ich mir eigentlich auch schwieriger vorgestellt. Am Ende des Tages habe ich nicht mal bemerkt, dass ich den ganzen Tag nicht gesprochen habe, so normal fühlt es sich an. Völlig überbewertet.

Ich bin überrascht, dass die Sri Lankis die ganz klare Mehrheit unter den Teilnehmern stellen. Nur gerade drei Westler sind wir unter den insgesamt 20 Personen. Und ich habe mir einen Tummelplatz für Alt-Hippies und New Ageler vorgestellt. Weit daneben. Ein bunter Haufen hat sich da zusammen gefunden. Die beiden wohl über 80-jährigen Mütterchen, die sich nach der Meditation immer mit äusserster Hingabe vor die Buddha Statue werfen. Dann der Endvierziger – Typ Buchhalter – mit riesiger Brille & einem so geraden Rücken, dass man eine Wasserwaage daran ausrichten könnte. Weiter die “Heilige”. Ca. Mitte 30, hübsch und unglaublich liebe Augen. Mit ihrem für sri-lankische Verhältnisse sehr untypischen Kurzhaarschnitt und ihrer Brille und Kleidung sieht sie sehr fromm aus. Immer die Erste im Meditationssaal und die Letzte, die aufsteht. Und keine einzige Bewegung während der ganzen Zeit. Einfach nur ein leichtes, kaum bemerkbares Lächeln auf dem Gesicht und eine unglaubliche Ausstrahlung der Ruhe, faszinierend.

Aus der Westler Fraktion hätten wir einerseits die “Mystische”. Anfang 40, immer in lange Tücher gehüllt. Bei ihr werde ich mir nicht ganz klar, ob sie aus Erleuchtung bald über den Boden schwebt oder vor lauter ungelöster Probleme zuhause nächstens zusammen klappt. Gar nicht einfach, jemanden ohne jegliche Gespräche einzuschätzen. Und da wäre noch der “geschlagene Hund”. Ein grosser, kräftiger Surfer Anfang 40. Locken und Vollbart. Der einzige, mit dem ich schon ein paar wenige Worte gewechselt habe, weil wir vor zwei Wochen in einem komplett anderen Winkel Sri Lankas im gleichen Guesthouse abgestiegen sind. Von mir aus hätten es auch ein paar mehr als die wenigen Worte sein können, wenn er denn nicht so unglaublich menschenscheu gewesen wäre. Und verkorkst. Dem sind wohl ein paar üble Dinge widerfahren im Lauf seines Lebens, so kommt man ja nicht auf die Welt. Und trotzdem fühle ich mich ihm fast am verbundensten, wenn er so andächtig da sitzt. Möchte ihn in den Arm nehmen und ihm mitteilen, dass alles gar nicht so schlimm ist. Bis sich unsere Blicke dann wieder mal treffen und ich mir eingestehen muss, dass es eben vielleicht doch so schlimm ist.

4. Tag

Zwei Stunden “Mindfulness in Motion” stehen jeden Tag auf dem Programm. Da ich diese Zeit nicht auch noch wie gewisse Andere laufmeditierend in der Meditationshalle verbringen will, war für mich der Fall klar. Yoga. Die gut ausgestattete Bibliothek ersetzt mir den Yogalehrer. Und da es mir so Spass macht, gebe ich die an die “MiM” folgende Stunde “Individuelle Meditation” auch noch dran und komme so sogar auf drei tägliche Stunden. Ein Programm aus 27 Übungen quer durchs Tierreich wie Taube, Katze, Kuh und Krokodil habe ich mir zusammen gestellt. Und beim Schmökern durch die ganzen Yogabücher auch noch heraus gefunden, dass nicht wie ich fälschlicherweise angenommen hatte das Hatha Yoga der Ursprung aller Yogaarten ist, sondern aus dem Tantra-Yoga hervor gegangen ist. Das Tantra-Yoga wiederum wurde als Antwort auf die rigiden und lebensverneinenden anderen Yogaarten wie Bhakti, Karma, Jnana und Mantra entwickelt. Interessant, interessant.

Tag 5

Irgendwie ticken hier die Ameisen anders. Dass sie grösser sind, kann ich mir ja noch klimatisch erklären. Aber viel besser organisiert scheinen sie auch zu sein. Regelmässig kommt einem eine in Zweierkolonne daher marschierende Ameisenstrasse entgegen. Wie stramme kleine Soldaten sehen sie aus. Nur in der Mitte hat es meist eine grössere Ansammlung von Tieren, die etwas am Transportieren sind. Immer mit von der Partie sind die Boten-Ameisen, die vom Anfang des Zuges bis zum Schluss eilen und allen vorbeiziehenden Ameisen etwas mitzuteilen scheinen. Daneben gibt es die Einzelgänger-Ameisen, die sind nochmals grösser, haben einen pelzigen Körper & scheinen im Vergleich zu den Soldatenameisen erstens immer alleine rumzuziehen und zweitens keinerlei erkennbare Logik in ihren Handlungen aufzuweisen. Hin und her laufen, stehen bleiben, wieder zurück, stehen bleiben, keinen Plan. Da sind die fetten Kaulquappen doch eher zu verstehen, die hängen da einfach rum, bewegungslos, und warten darauf, dass sie zum Frosch werden. Wozu auch stressen?

Diese Blüte sieht ja auf den ersten Blick gar nicht so spektakulär aus, aber bei genauerer Betrachtung färben sich die Blätter von einem fast schon gelblichen orange über unendlich viele Abstufungen in ein dunkel orange gegen den Stiel zu. Und der Stempel: Filigranarbeit vom Feinsten, zur Perfektion gebracht. Die gelben Blütenfäden wirken in der sonst komplett orangen Blüte fast schon ironisch.

Studienobjekte:

Mindestens neun verschiedene Tiere scheinen sich in irgendeiner Form gleichzeitig kundzutun. Und da wäre noch das leise Plätschern des Teichzuflusses und das sachte Aneinanderreiben der einzelnen Palmzweige im Wind. Und da raschelt doch was im Gras? Unglaublich, was es da alles zu entdecken gibt, wenn man sich nur die Zeit nimmt und die Sinne wieder mal ins Trainingslager schickt. Paradoxerweise wird man sogar noch belohnt für das Verfolgen dieses grandiosen Spektakels. Ruhe kehrt ein, Zufriedenheit, und kleine Bläschen der Glückseligkeit steigen im Körper hoch und zerplatzen farbig. Obwohl ich nicht bestreiten kann, dass das Bild von mir – mit offenem Mund den Wundern der Natur lauschend – manch Szene in der Parkanlage einer psychiatrischen Klinik gar nicht unähnlich sein dürfte.

6. Tag

Arbeitsmeditation steht auch jeden Tag auf dem Programm. Diesen Punkt habe ich im Vorfeld ja nie verstanden. Wie soll denn da jemand wissen was zu tun ist, wenn ihm niemand was sagen kann? Interessanterweise war die Zuteilung oder besser das Finden einer sinnvollen Aufgabe dann leichter als erwartet. Am ersten Tag habe ich mir einen Besen geschnappt, am zweiten die Steintreppe von Unkraut befreit, am dritten Tag das Klo geputzt (das trotz fehlender Abstimmung und wohl eher geringer Attraktivität jeden Tag tadellos sauber war). Jeder schien laufend sinnvolle Ideen zu haben, wie man die Anlage im Schuss halten oder verschönern konnte. Mal abgesehen von ein paar wenigen Ausnahmen (oder wieso genau musste eines Morgens dieses Rasensmittelstück dran glauben?).

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Die beste Aufgabe habe ich mir aber für den Schluss aufgespart. Die Revitalisierung eines Wegstücks, das total ungerechtfertigterweise verwildert vor sich hin darbte, trotz der exklusiven Hangaussichtslage. Da musste was getan werden! Nur ich, der Spaten, Schweiss und Dreck. Eine wohltuende Abwechslung zum sinnentleerten hin- und her Switchen zwischen zwanzig offenen Browserfenstern, den fünf neu eingegangen Mails und den zwei Facebook-Nachrichten, und dabei noch am Rande mitkriegen, dass auch das Handy durch penetrantes Vibrieren mehrmals angezeigt hat, dass man auch an diesem Ende verlangt wird (ohne dass man natürlich Zeit gehabt hätte, darauf zu reagieren). Einfach nur ein gleichmässiges, ununterbrochenes Fliessen der Aufmerksamkeit auf einen einzigen Gegenstand, wie schon in den heiligen hinduistischen Schriften die Meditation beschrieben wurde. Wenn da nur die Schwielen an den Händen nicht wären.

 

7. Tag

Auf meinen burmesischen Schneidersitz bin ich unterdessen mächtig stolz. Das sieht ja schon ziemlich professionell aus, wie so ein kleiner Schweizer Buddha. Einfach ohne Bauch. Zwar ist das Ganze nach 15 – 20 Minuten immer noch alles andere als angenehm. Aber diese stechenden Schmerzen sind weg. Durch hochgradige Ungemütlichkeit abgelöst, aber immerhin. Da der Schmerz doch ständiger Begleiter war während dieser Tage, wurde er mitunter zu einem meiner Hauptforschungsfelder. Die normale Reaktion auf das Auftreten von Schmerzen ist der Wunsch, dass sie schnellst möglich wieder von dannen ziehen sollen. Alles verkrampft sich und statt dass der Schmerz verduftet, taucht er – der Verspannung sei Dank – auch an anderer Stelle auf. Nimmt man nun aber den Schmerzen gegenüber eine nicht so defensive Haltung ein und akzeptiert erst mal, dass sie da sind, hat man bedeutend mehr Möglichkeiten für Gedankenspiele. So kann man zum Beispiel einmal analysieren, wie sich der Schmerz genau anfühlt. Und merkt dabei, dass es z.B. nicht die ganze Fussaussenseite ist die schmerzt, sondern nur einzelne Sehnen oder Muskelfasern davon. Man kann förmlich hineinzoomen und sieht die einzelne Muskelfaser tapfer gegen den starken Zug auf ihr ankämpfen. Redet man ihr zu und erklärt ihr, dass das dies nur eine Dehnung sei, um danach länger und bequemer im Schneidersitz sitzen zu können und sie keinen Riss zu befürchten habe, passiert manchmal Wunderliches. Die Faser sagt sich ok, wieso soll ich mich dagegen dann so sträuben – wenns der Mish ja sagt, ist ja schliesslich sein Körper – und die Verspannung und der Schmerz verschwinden. Nicht immer, aber es klappt also erstaunlich gut. Ausprobieren!

Und jetzt?

Ich habe mir Mühe gegeben, bisher einigermassen sachlich zu schreiben und nicht zu fest in die Esoecke abzudriften. Allerdings kommt man um die Betrachtung von nur bedingt Wissenschaftlichem und Feinstofflichem einfach nicht umhin bei dem Thema. Wer auf zu viel Gspürschmifühlschmish und Energie-Bliblablupp allergisch ist, sollte nun nicht mehr weiter lesen.

Natürlich trägt schon alleine das Reduzieren der Reize und Einflüsse massgeblich dazu bei, dass man automatisch an weniger Dinge gleichzeitig denkt. Und dies ist laut Goodwin Samararatne, dem langjährigen Leiter des Centers, auch eines der Hauptziele. Nicht ständig über etwas aus der Vergangenheit rumzugrübeln und auch keine Pläne für die Zukunft zu schmieden. Einfach nur im Hier und Jetzt die Gegenwart erleben. Und das klingt bedeutend einfacher als es ist. Gelingt es einem aber ab und an, einfach nur diesen einen spezifischen Moment sich voll zu vergegenwärtigen, fühlt sich das sehr wohltuend an, wie ein Ankommen.

Die Reizreduktion und die Beruhigung des Geistes hat noch eine weitere Auswirkung. Selten habe ich mich so fokussiert gefühlt wie während diesen sieben Tagen. Durch das im Moment leben gibt es einerseits kaum mehr unbewusste Handlungen. Man weiss zum Beispiel am nächsten Morgen noch haargenau, wo man die Streichhölzer am Vorabend hingelegt hat. Und braucht man auch nicht zu checken, ob man den Schlüssel eingesteckt hat. Man weiss. Ganz viele kleine Details fallen einem auf einmal auf, wie dass die drei Thermoskannen in einer andere Reihenfolge aufgestellt sind wie am Vortag und nochmals anders als vorletzten Tag. Worauf man sich früher nie geachtet hätte. Man wird zu einem merklich besseren Beobachter. Keine störenden, unnötigen Gedanken – kein Noise sozusagen – trüben den Blick. Und das wiederum eröffnet einem eine Welt, wo man ab kleinen Details ständig ins Staunen gerät, gerührt ist, dankbar ist, das erleben zu dürfen. Es scheint die gleiche Welt wie immer zu sein, aber trotzdem ist alles anderes. Wie ein Kind läuft man staunend umher und fragt sich ständig, wo man denn bisher hingeguckt hat.

Keine Gespräche, kein Internet, keine Musik, kein Fernsehen während sieben Tagen. Einfach nur acht Stunden täglich mit geschlossenen Augen dasitzen. Und trotzdem ist einem keine einzige Sekunde langweilig. Wow. Im Gegenteil, auf einmal ist alles spannend. Man ist eingebettet in einen äusserst angenehmen Zustand und will das Gefühl nicht mehr verlieren. Trotzdem weiss man, dass es nicht für immer wird anhalten können. Und hofft, dass man sich mindestens ein möglichst grosses Stück davon wird bewahren können. Oder dass man doch noch dahinter kommt, was einem da ins Essen getan wurde.

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